Carpe Vitam Clock

Vor einiger Zeit habe ich auf dem Weg zur Arbeit mal die Morgengedankenin SWR1 gehört, dieses Mal ein Beitrag von der Katholischen Kirche. Dabei wurde ich auf ein interessantes Projekt eines Philosophen und Künstlers aufmerksam, die vom Künstler entwickelte „Carpe Vitam - Clock“, übersetzt „Nutze das Leben – Uhr“.

Eigentlich eine logische Sache. Wen von uns interessiert schon, wie weit er schon gefahren ist, wenn er auf die Tankanzeige schaut? Die restlich verbleibende Strecke mit der noch verbliebenen Tankfüllung ist deutlich interessanter. Wer achtet auf das Herstellungsdatum einer Packung Milch? Wir möchten doch eher das Haltbarkeitsdatum wissen, oder?

Doch zurück zur Uhr. Die Technik ist wie folgt:

Die Uhr zählt im Sekundentakt über eine Digitalanzeige die Sekunden runter, die bis zum Erreichen des Endes der statistisch ermittelten noch zuerwartenden Lebenszeit vergehen. Nach dem Erreichen der endgültigen Null zählt die Uhr wieder hoch – und alle zehn Sekunden erscheint die Frage “Still alive?” und danach “It’s a gift!” („Lebst du noch? Es ist ein Geschenk“). Die Uhr selbst ist allerdings kein Geschenk. Denn wer nun Lust bekommen hat, in so ein Teil zu investieren: Kein Problem, mit schlappen 2.800€ bist du dabei. Wenn’s weiter nichts ist… . Hier ist der Link.

Dahinter steht die Idee, dass viele Menschen ihre Zeit, die sie auf der Erde haben, ungenutzt verstreichen lassen und damit ihre Zeit unter Wert verrinnen lassen.

Ich denke mir: „Da ist sicher was dran, aber kann nicht auch die Zeit, die wir nicht produktiv sind, ihre Berechtigung und ihren Sinn haben?“

Dabei sollten wir auch nicht vergessen, dass das dem römischen Dichter Horaz zugeschriebene Zitat „Carpe diem!“ nicht nur mit „Nutze den Tag!“, sondern auch mit „Genieße den Tag!“ übersetzt werden kann. Auch das Genießen von ungenutzter Zeit, im Volksmund „Faulenzen“ genannt, kann durchaus den Nutzen haben, dass es, mäßig und sinnvoll betrieben, unserer Gesundheit dient.

Aber dennoch, Seneca mahnte: „Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben. Sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen“.

In welcher Weise wir die Zeit nutzen sollten, dazu gibt es viele Möglichkeiten und jeder sollte und darf das für sich entscheiden.

Die Bibel berät uns auch in Sachen Zeit. Da lesen wir z.B. bei Paulus im Brief an die Epheser: „So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus, denn die Tage sind böse.“ (Epheser 5,15-16).

Nochmal zurück zur Uhr:

Es ist schön, dass uns die Uhr erinnert, dass nach Erreichen der durchschnittlichen Lebenserwartung die statistsch zusätzliche Zeit ein Geschenk ist.

Aber ist nicht auch die Zeit vorher ebenso Geschenk? Das Projekt erweckt nämlich unbewusst den Eindruck, wir hätten ein Recht auf eine gewisse Lebenszeit. Und bricht sie früher ab, müsste nach dieser Logik die Uhr stehenbleiben und mitteilen, dass uns nun gerade etwas, auf das wir einen Anspruch hatten, weggenommen wurde.

Aber dieser gefühlte Anspruch hat keine Grundlage. Gegen wen wollten wir ihn geltend machen? Jeder Moment unseres Lebens ist kein Recht, sondern ein Vorrecht. Gott allein ist der Herr unserer Zeit, nicht wir und auch keine Uhr. In Psalm 31,16 steht: „Meine Zeit steht in deinen Händen“. Und deshalb ermahnt uns Psalm 90,12 auch: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Amen

Lied: Meine Zeit steht in deinen Händen